Krumpholz, Peter

Religion & Kultur an Rhein & Ruhr - Kerncurriculum zum Modellprojekt Israelkritik und Judenfeindschaft


Seiten: 114


Hauptziel des Modellprojekts „Israelkritik und Judenfeindschaft“ ist die Entwicklung, Erprobung und Verbreitung von neuen Präventions- und Fortbildungsangeboten gegen religiös, politisch wie sozial bedingte Formen von aktuellem Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Ausgangspunkt der zu entwickelnden Präventionsangebote sind die Selbstdeutungen der Bürger bzw. der verschiedenen Zielgruppen unserer Kooperationspartner. Alle Angebote werden daher auf der Grundlage von Befragungen konzipiert, die der empirischen Erfassung von Israelkritik und aktuell virulentem Antisemitismus vor Ort dienen. Befragt wurden Muslime und Christen, aber auch Religionskritiker und säkular, links wie rechts orientierte Menschen mit wie ohne Zuwanderungsgeschichte. Zweck der Erhebung war es herauszufinden, welche Verbindungen zwischen unterschiedlichen Gruppen, Traditionen und Ausprägungen des Antisemitismus es vor dem Hintergrund welcher Selbstdeutungen, Lebensgeschichten und Erfahrungen vor Ort gibt. Beachtet wurden nicht nur Feindseligkeit gegen Juden, sondern auch Muslim- oder Deutschenfeindlichkeit.

Das von uns neu entwickelte, auf einer Literaturanalyse basierende theoretische Konzept unserer Befragung beruht auf dem – empirisch offenen – Vorverständnis, dass Feindschaft gegen Juden und israelbezogener Judenhass oftmals weder ein einfaches Vorurteil noch eine Weltanschauung sind, deren einziger Inhalt der Hass auf Juden ist. Vielmehr kann dieser Hass selbst Bestandteil und wesentliches Element unterschiedlichster Glaubensformen wie säkularer Weltdeutungen und Wertorientierungen sein, sofern diese positiven Selbstbestimmungen verabsolutiert, übersteigert, ethnisiert und vorschnell verallgemeinert werden. Die negative Fremdbestimmung der Juden als Kollektiv erfolgt aus wahnhaft überhöhter, identitärer Bestimmung des eigenen Kollektivs. Übersteigerte Formen kollektiver Selbstwahrnehmung verführen dazu, Juden wie Israelis nicht mehr in ihrer Vielfalt wahrzunehmen, sondern als Kollektiv für das Böse schlechthin zu halten, das die eigene, vermeintlich identitäre Volksgemeinschaft vorgeblich bedrohe oder gar vernichten wolle. Für Judenfeinde sind Juden damit als Kollektiv angeblich für alle Formen tatsächlicher oder vermeintlicher Übel verantwortlich, für menschengemachte, vermeidbare Übel wie für unvermeidliches Leiden zugleich, für metaphysische ebenso wie für moralische, gesellschaftliche und / oder physische Übel. Der Einsatz der von uns entwickelten Erhebungsinstrumente, offen für die empirische Vielfalt der Gründe des gegenwärtigen, israelbezogenen Antisemitismus, und der Dialog über die Ergebnisse mit unseren Bildungspartnern betrachten wir inzwischen als wesentliche Bestandteile des Kerncurriculums unserer Präventionsmaßnahme.

Das hier in Form einer Power-Point-Präsentation dokumentierte Kerncurriculum „… und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist (Genesis 3,5)“ informiert indes nicht nur über Formen, Ursachen und aktuelle Erscheinungsweisen des Antisemitismus in der Rhein-Ruhr-Region. Als ein modular aufgebautes Beratungs-, Seminar- und Vortragskonzept „Religion & Kultur an Rhein & Ruhr“ gibt es weit darüber hinaus Auskunft über die Vereinbarkeit religiöser, transzendenzskeptischer wie säkularer Überzeugungen mit der plural-verfassten, rechtsstaatlich-gewaltenteiligen und demokratischen Grundordnung. Jenseits der polarisierenden Frage, wie man es mit einer oder gar der Religion hält, werden ausgehend von den konkreten Glaubensformen und Wertorientierungen der Befragten zugleich religiöse und säkulare Gefährdungspotentiale aufgezeigt.


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