Ideenführer Europa: Reise nach Jerusalem, Athen, Rom und Paris - BMFSFJ/VIELFALT TUT GUT Modellprojekt

Das Modellprojekt Ideenführer Europa wird vom BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) im Rahmen des Bundesprogramms VIELFALT TUT GUT – Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie gefördert.

Leitziel des Modellprojekts: Entwicklung eines kulturreligiösen Bildungskonzepts

Übergeordnetes Leitziel des Modellprojekts ist es, auf der theoretischen Grundlage der Religionspolitologie ein neues, empirisch gestütztes Bildungs- und Begegnungskonzept zu entwickeln, mit dem Ansätze der interkulturellen Pädagogik aufgegriffen und mit denen des interreligiösen Lernens didaktisch verknüpft werden. Das Bildungs- und Begegnungskonzept wird gemeinsam mit Jugendlichen und Lehrkräften entwickelt, erprobt und durch die Fortbildung von Pädagogen und die Publikation von Arbeitsmaterialien mit Arbeitsblättern verbreitet. Letztere werden so gestaltet, dass der Ideenführer Europa ohne zusätzliche Vorbereitungszeit von Pädagogen in der schulischen und außerschulischen Jugendbildung eingesetzt werden kann.

Download: Bildungs- und Begegnungskonzept Ideenführer Europa

Mit dem Ideenführer Europa wird erstmals ein kulturreligiöses Bildungs- und Begegnungskonzept entwickelt, dass religiöse und religionskritisch eingestellte Jugendliche anregt, sich sowohl über die Vor- und Nachteile verschiedener Glaubensformen als auch über die Stärken und Schwächen von säkularen Selbstdeutungen auszutauschen. Unabhängig von Herkunft, Staatsan- und Religionszugehörigkeit wird ihnen deshalb auf kognitiv und emotional abwechslungsreiche Art und Weise Gelegenheit geboten, sich zunächst untereinander und anschließend mit lokalen Persönlichkeiten aus Religion, Politik, Kultur und Arbeitswelt über die kulturelle Bedeutung von Glaube und Säkularität für das interkulturelle und interreligiöse Mit-, Neben- oder Gegeneinander vor Ort auszutauschen.

Auf diese Weise trägt das Modellprojekt nicht zuletzt dazu bei, dass Jugend-liche die Attraktivität und die Integrationsstärke Europas entdecken. Daher steht die Idee einer wechselseitigen Ergänzung wie Begrenzung von weltlicher und religiöser Orientierung im Mittelpunkt, die im gegenwärtigen Prozess der globalen Begegnung und Durchdringung der Religionen und Kulturen an Aktualität gewonnen hat. Hängt die Frage nach einer ethischen Grundlage für ein interkulturelles und interreligiöses Miteinander doch vor allem davon ab, ob es zu einer polyphonen Korrelationalität von Vernunft und Religion, säkularen Weltsichten und der Vielfalt der Glaubensformen kommt. Es kommt darauf an, gegenwärtige Pathologien der Religiosität und Hybris oder Fatalität bei säkularen Weltanschauungen gleichermaßen zu erkennen. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Selbstdeutungen und Wertorientierungen sollen Jugendliche und junge Erwachsene deshalb die Vielfalt und Spannungshaftigkeit der europäischen Prinzipien und die Werte des Grundgesetzes kennen lernen. Denn nur sofern diese als ideale Maßstäbe und Ordnung der eigenen Lebensziele wahrgenommen werden, können sie auch lebensweltnah Orientierung bieten und einen neuen Umgang mit kulturreligiösen Konflikten eröffnen, die aus einer Ablehnung, unreflektierten Hinnahme oder Dramatisierung religiöser oder säkularer Differenzen resultieren.

Zur Idee Europas gehören Jerusalem, Athen, Rom und Paris. Als ideelle Orte des Glaubens, der Vernunftkultur, der Politik und der Aufklärung versinnbildlichen diese vier Städtenamen symbolisch die Spannungen zwischen religiöser, wissenschaftlicher, politischer und sozialer Lebensweise. Durch gedankliche Ausflüge in die europäische Ideenwelt und konkrete Reisen zu Persönlichkeiten und Orten, von und an denen heute in unmittelbarer Umgebung der Jugendlichen die verschiedenen Formen des Glaubens ausgeübt, Kultur betrieben, Politik gemacht und soziale Fragen erörtert werden, sollen sie die Spannungen innerhalb und zwischen idealen und konkreten Orten kennen lernen. Durch die Begegnungen sollen sie zudem Einblicke erhalten, wie im öffentlichen Raum um Macht und Einfluss und damit zugleich um die ideale Rangordnung von Glaube und Wissen, Kunst, Politik und Wirtschaft gestritten wird. Pädagogisches Leitziel des Modellprojekts ist es, Jugendlichen vor Augen zu führen, dass es in und zwischen Religionen, Kultur, Politik und Arbeitswelt immer auch um die richtige Lebensweise, die Ziele, Zwecke, Güter und Werte des Lebens und deren Rangordnung bzw. um die Frage geht: Wie soll ich leben? Indem im öffentlichen Raum für, mit und von Jugendlichen kontrovers über die Vor- und Nachteile von unterschiedlichen Glaubensformen und Weltsichten, Wertorientierungen und Lebensweisen für das gesellschaftliche Miteinander gestritten wird, soll mit dem Modellprojekt ein Beitrag dazu geleistet werden, dass die europäischen Prinzipien und Werte des Grundgesetzes von Jugendlichen als ideale Maßstäbe und Rangordnung ihrer eigenen Lebensziele wahrgenommen werden können.

Handlungskonzept des Ideenführer Europa

Bei der Entwicklung, Erprobung und Verbreitung des kulturreligiösen Bildungs- und Begegnungskonzepts Ideenführer Europa stehen stets die empirisch zu ermittelnden Selbst-, Gesellschafts- und Weltdeutungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Mittelpunkt. Diese – und nicht kollektive Zugehörigkeiten – bilden den Ausgangs- und Angelpunkt des Modellvorhabens.

Unter der Verknüpfung von Konzepten der interkulturellen Pädagogik mit Ansätzen des interreligiösen Lernens verstehen wir zudem in praktisch-topischer Hinsicht zunächst einmal schlicht, dass Menschen mit unterschiedlichen oder ähnlichen Selbstdeutungen – seien diese nun primär religiös oder säkular – pädagogisch angeregt werden, sich untereinander und mit anderen darüber auszutauschen, welche (kulturelle) Bedeutung ihre Religiosität (oder deren Negation) für ihr jeweiliges Bewusstsein von Mensch, Gesellschaft und Welt und damit auch für ihr kulturreligiöses Mit-, Neben-, Durch- und Gegeneinander hat. Daher kommt es uns nicht allein auf Form und Inhalt der Religiosität der Jugendlichen an, sondern vor allem auf die kulturelle Bedeutung ihrer Religiosität. Und es geht auch nicht allein um die kulturelle Bedeutung ihrer Religiosität, sondern zudem um die Bedeutung von Religionskritik, Areligiosität und Säkularität für ihr Miteinander. Entwickelt, erprobt und verbreitet wird somit eine kulturreligiöse und keine bloß religiöse, allein soziale, lediglich politische oder ausschließlich ökonomische Präventionsmaßnahme.

Indem wir Jugendliche unterschiedlichen Glaubens und solche, die auf eher auto-, sozio- oder physionome Weise säkular orientiert sind, untereinander und mit Erwachsenen ins Gespräch bringen, wollen wir auch, dass junge Erwachsene sich selbst und andere jenseits kollektiver Stereotypen und dichotomer Wahrnehmungsmuster (z.B. ‚Deutsche’ vs. ‚Türken’, ‚Muslime’ vs. ‚Christen’ oder ‚Gläubige’ vs. ‚Ungläubige’) erleben und kennenlernen, die sie leider allzu häufig ausbilden. Trotz dichotomer Selbst- und Fremdzuschreibungen anhand o.g. Differenzen weisen Jugendliche und junge Erwachsene – dies haben unsere Befragungen gezeigt – jedoch im Hinblick auf ihre konkreten Selbst-, Gesellschafts- und Weltdeutungen mehr Gemeinsamkeiten auf, als ihnen selbst bewusst ist. Dies gilt es pädagogisch zu nutzen.

Das Modellvorhaben gliedert sich dabei formal in drei Phasen und sieben Meilensteine:

Phase 1: Empirisch-kooperative Entwicklung

Zum Zwecke der Gewinnung von Pädagogen und von lokalen Persönlichkei-ten, die Orte des Glaubens, der Kultur, Politik und Arbeit repräsentieren, wurden zunächst Expertengespräche geführt (Meilenstein 1a). Um die Hauptzielgruppe von Beginn an aktiv in das Vorhaben einbinden zu können, wurden zudem narrative Interviews mit Jugendlichen realisiert. Dies geschah in Ergänzung zu der quantitativen Befragung zu ihren Weltdeutungen und Wertorientierungen, die das RISP bereits durchgeführt hatte (Meilenstein 1b). Die Ergebnisse der Interviews wurden zusammen mit einem ersten Curriculum-Entwurf ausgewählten Kooperationspartnern und der lokalen Fachöffentlichkeit vorgestellt und mit ihnen erörtert (Meilenstein 1c).

Phase 2: Curriculumentwicklung und Erprobung des Vorhabens

Auf der Grundlage der Experteninterviews, der quantitativen Befragung und der narrativen Interviews mit den Jugendlichen wurde im zweiten Jahr das kulturreligiöse Bildungs- und Begegnungskonzept Ideenführer Europa entwickelt (Meilenstein 2) und mit Jugendlichen und Lehrkräften erprobt und überarbeitet (Meilenstein 3).

Phase 3: Regionale Implementierung und Übertragung des Vorhabens

Das letzte Jahr dient nun der regionalen Umsetzung des Vorhabens, der Herstellung der Serienreife und der Vorbereitung der Weiterführung des Projektvorhabens über die Förderlaufzeit hinaus. Zu diesen Zwecken werden Fortbildungen mit Pädagogen durchgeführt (MEILENSTEIN 4), die bei ihrer ersten Durchführung der Maßnahme mit Jugendlichen begleitet und supervisiert werden (Meilenstein 5). Schließlich wird das Konzept IDEENFÜHRER EUROPA weiteren Bildungs- und Begegnungsstätten angeboten (Meilenstein 6) und mit pädagogischer Anleitung schriftlich dokumentiert und publiziert (Meilenstein 7).


Laufzeit:
Januar 2007 bis Dezember 2010

Kooperationspartner | Links

Projektbearbeitung

Projektleitung



Prof. Dr. Manfred Bayer

E-Mail: manfred.bayer@uni-due.de
Tel: +49 (0)203 28099-20

Dipl.-Soz.-Wiss. Peter Krumpholz

E-Mail: peter.krumpholz@uni-due.de
Tel: +49 (0)203 28099-13


Projektmitarbeiter/innen



Dr. Alexander Schmidt

E-Mail: alextoteles.schmidt@uni-due.de
Tel: +49 (0)203 28099-15


Auftraggeber

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMSFJ)

Ausgewählte Publikationen


  • Bayer, Manfred / Krumpholz, Peter: Cultural Diversity Inspiring International and Urban Education, in: Studia Germanica Gedanensia 27. Danzig: Uniwersytet Gdanski, 2012. - 285 - 294| mehr...
  • Krumpholz, Peter: Methodenporträt des Modellprojekts IDEENFÜHRER EUROPA - Reise nach Jerusalem, Athen, Rom und Paris, in: Beilage zur Informationsbroschüre GEZIELT FÜR PRÄVENTION. GEMEINSAM FÜR VIELFALT des Bundesprogramms VIELFALT TUT GUT. Berlin: 2011. - | Download| mehr...
  • Krumpholz, Peter: Zum Verständnis von Kultur unter der Perspektive von Philosophie und Religionspolitologie, in: Hungeling, Christoph (Hg.): Anthropologie - Bildung - Demokratie. Kulturkritische Befunde. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2010. - S. 20-50| mehr...
  • Krumpholz, Peter: IDEENFÜHRER EUROPA: REISE NACH JERUSALEM, ATHEN, ROM UND PARIS. Ein kulturreligiöses Bildungs- und Begegnungskonzept für Jugendliche und junge Erwachsene. 2010. - 82 Seiten| Download| mehr...